Offener Kanal Schleswig-Holstein

Schriftzug

Floh im Ohr

Ein neues Konzept zur Audioarbeit im ländlichen Raum, Kiel 1999

Inhalt

 Vorbemerkung
1. - Floh im Ohr - Was ist das?
2. - Grundsätze
2.1. Das Ohr lernt sehen

2.2. Kinder & Jugendliche und deren  Audiokompetenzen
2.3. Vermittlung von Medienkompetenz
3. -   Floh im Ohr und Fischauge - Ein neuer
        Ansatz ländlicher Medienarbeit

3.1.   Merkmale Fischauge
3.2.   Merkmale Floh im Ohr
3.2.1 Kommunikation
3.2.2 Politische Bildung
3.2.3 Vermittlung von Medienkompetenz
3.2.4 Jugendarbeit
3.3.   Erweiterungen Floh im Ohr
3.4.   Resümee der Vorüberlegungen
4. - Dieses Jahr: Süsel und Scharbeutz
4.1. Ablauf einer Station

4.2. Ortswahl
4.3. Süsel
4.4. Scharbeutz
5. - Projekterfahrungen 1998
5.1. Erfahrungen in Süsel

5.2. Erfahrungen in Scharbeutz
5.3. Erfahrungen 1998
6. - Spacecowboys und Didgeridoo - einige Hörkritiken
Vorbemerkung

Ein Radio mit Rädern? Der Offene Kanal und sein Hörfunk-Mobil? Weit gefehlt.

Floh im Ohr ist eine neue Aktion zur Medienarbeit im ländlichen Raum. Zwei Stationen im ländlichen Umfeld der Hansestadt Lübeck besuchte das Radio-Mobil im Sommer 1998. Kostenlos nutzten etwa 60 Kinder und Jugendliche in Süsel und Scharbeutz das Angebot, in ihrem eigenen Dorf, ihrem vertrauten Umfeld die Welt der Töne kennenzulernen. Floh im Ohr reiste mit dem gesamten technischen Equipment an, mit Mikrophonen und Kassettenrecordern, mit Bandmaschinen, Mischpulten und Schneideplätzen. Hörfunk vor Ort, aber auch Experimente mit Audio, eine Klangwerkstatt, eine Tonralley standen auf dem Programm.

Erscheint der technische Aufwand, die Masse der zu koordinierenden Gerätschaften, bei dem Medium Hörfunk ungleich geringer als bei Videoprojekten, so entsteht dadurch ein Freiraum zu kreativer, bewußter und natürlich spielerischer Auseinandersetzung mit dem Hören selbst, zur Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung von Sprache, von Geräuschen und Musik. Erst bei einem zweiten Schritt steht die Artikulation selbst an. Deshalb geht es dabei zum einen natürlich um das Probieren unterschiedlicher Gestaltungsmöglichkeiten, den Schnitt, die Tonverfremdungen, zum anderen aber auch immer die inhaltliche Beschäftigung mit einem selbstgewählten Thema und dessen Umsetzung.

Floh im Ohr macht keine Themenvorgaben. Die Jugendlichen entscheiden selbst über Inhalt und Umsetzung ihrer Produktion und werden im gesamten Prozeß vom Mitarbeiterteam begleitet.

Floh im Ohr


Durch die terrestrische Ausstrahlung des Offenen Kanals Lübeck bildet eine live in den Äther eingespeiste Sendung direkt vom Dorfplatz das Ziel aller Produktionen, den krönenden Abschluß und auch den Bezug der eigenen Werke, der Hörspiele, Reportagen oder Musikkompositionen zur Hörerschaft, zum Publikum.

Floh im Ohr ist also konzipiert als Fortführung und Erweiterung des Ansatzes der Projektreihe Fischauge. Und als ein ad hoc sehr erfolgreicher dazu.

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1. Floh im Ohr - Was ist das?

Am Anfang war das Geräusch, für das menschliche Leben noch vor der Geburt. Kindliche Entwicklung, Bindung zur Mutter, findet zuerst über das Geräusch, den Ton, erst später über das Bild statt. Die technische Entwicklung ist ähnlich verlaufen: Geräusche zu reproduzieren, gelang früher, als ausgefeilte Bilder darzustellen. Geräuschfolgen gab es lange, bevor es Bildfolgen gab.

Flimmernde Bildschirme, Laserkanonen, Breitwandkinos und Videotheken: Bei der Prägung der Welt von Kindern und Jugendlichen stehen visuelle Eindrücke mehr und mehr im Vordergrund. Nicht nur Wirtschaft und Werbung haben dies erkannt, auch die Medienpädagogik arbeitet seit nunmehr 25 Jahren an dieser Problematik und beschäftigt sich mittlerweile weltweit überwiegend mit Video und Multimedia und der damit entstehenden Notwendigkeit der Vermittlung medialer Kompetenz.

Audio - in den 60er und 70 er Jahren oben und allein auf der Liste der Medienpädagogen - wird in den 90er Jahren in dieser Szene mehr und mehr vernachlässigt. Töne und Geräusche, das gesprochene Wort an sich, führt neben dem Sichtbaren nur ein Schattendasein. Nicht nur in den Theorien und Abhandlungen der Medienpädagogik, sondern auch im allgemeinen öffentlichen Leben, spielt Audio, spielen Töne und Geräusche ihre Rolle ungleich unreflektierter.

Im visuellen Bereich, beim Fernsehen, bei Zeitschriften, bei Fotos, erscheinen die beiden Faktoren Kunst und Nachricht mittlerweile immer öfter in kohärenter Form. Videoclips und Kurzfilme sind etabliert als Kunstform wie als Nachrichtenvermittlung und auch als Lifestyle-Accessoires fest eingeführt.

Im Audiobereich, sowohl im Hörfunk als auch in der nur für den Musikbereich bestehenden Konsumwelt, klaffen die beiden Standbeine Kunst und Nachrichtenvermittlung jedoch immer weiter auseinander. Der Wortanteil im Radio liegt bei vielgehörten Hörfunkstationen weit unter 15 % des Programminhaltes und wird inhaltlich meist als Stiefkind behandelt. Und auch im Musikteil der Radiosender bundesweit sinkt das Niveau von Jahr zu Jahr rapide. Hörkunst und Toncollagen, avantgardistische Musik oder ausgefallene Hörspiele finden kaum noch ihren Platz im Sendeschema.

Durch die Bevorzugung der visuellen Ebene der Kommunikation gehen viele Chancen verloren. Ein Blick auf die Möglichkeiten von Audioarbeit soll die Frage beantworten,

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2. Grundsätze

2.1. Das Ohr lernt sehen

Die technische Konservierung und Bearbeitung von Geräuschquellen, von der Drehorgel über die Schellack-Platte hin zur digitalen Tonaufzeichnung, war der Konservierung der Bearbeitung von Bildern immer einige Jahrzehnte bis Jahre voraus. Auch in der PC-/Multimedia-Welt benötigen Geräusche kleinere Speicher, geringere Bitstreams, haben für die Bearbeitung einfachere Benutzeroberflächen, sind für Bearbeitungsprogramme weniger Mittel aufzuwenden. Die Leichtigkeit des Tons steht im Gegensatz sowohl zu seiner gesellschaftlichen Einschätzung als auch seiner wirkungspraktischen Bedeutung.

Die Überzeugungsfähigkeit von Audio kommt nicht von ungefähr: Geräusche existieren als Anzeichen für Leben und Dynamik, ein ruhiges Bild, zu dem Herzklopfen zu hören ist, sagt mehr als eine hektische Bildfolge aus. Geräusche sind ein Anzeichen von Leben, unterscheiden lebende von toten Gegenständen. Geräusche sind aber auch, gerade wenn sie nicht einzuordnen sind, rätselhaft, Warnzeichen, machen Angst. Eine Nacht im Schlafsack im Wald macht deutlich, was alles existiert, was aber auch alles ungewohnt ist.

Die moderne Welt zeichnet sich durch neuartige Geräusche, durch Lautstärke - verstärkte Geräusche, aber auch durch Geräusch-Misch-Masch aus. Verschiedene Geräusche überlagern sich, geben völlig andere Informationen wieder, sind vielleicht auch schwer zu dechiffrieren, führen zu Fehlinterpretationen. Morgens sind Geräusche anders als mittags oder abends, montags anders als sonntags, und der Mensch muß diese Geräusche, aufnehmen, erkennen und interpretieren.

Eigentlich sind Geräusche genauso flüchtig wie Bilder - Bilder bleiben jedoch "haften". Geräusche sind wirklich flüchtig, lassen sich nicht festhalten, höchstens imitieren und sind, weil rätselhaft, auch nicht immer so überzeugend. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.Mechanische, elektrische, elektronische Methoden, Geräusche zu konservieren und bei Bedarf immer und immer wieder zu hören, bieten Orientierung. Um so kakophoner Geräusche sind, um so notwendiger wird diese Orientierung.

Menschliche Gesellschaft, organisiertes Miteinander, ist auf Geräusche als Informationsträger angewiesen, das Geräusch wird zum Klang, wird zur Sprache, wird zum Signal, vermittelt eine Botschaft. Sprache als abstrakter Träger von Bedeutung kann nur über Geräusche, Töne vermittelt werden - erst auf einer noch abstrakteren Ebene über Buchstaben. Während sich allerdings Sprache weiter entwickelt, mutiert, sich Einflüssen und Veränderungen anpaßt, bleibt das Geräusch als solches immer gleich. Die Bedeutung dieses Geräusches allerdings kann sich ändern.

Während also Sprache und Musik bewußt wahrgenommen und oft auch bewußt bearbeitet werden, finden Töne, oder noch mehr Geräusche, in der Alltagswelt meist nur einen abstrakten Platz. Kommunikation als höchst realer Vorgang nutzt, um überhaupt funktionieren zu können, Geräusche als Träger harter und weicher Informationen.

Geräusche sind also auch ohne Bild Träger von Informationen - Arbeit mit Geräuschen, Audioarbeit, muß sich dieser Tatsache bewußt sein und kann sie nutzen.

Audioarbeit ist gesellschaftlich relevant. Der, wenn auch teilweise sekundäre, Konsum von Hörfunk ist immer noch höher als der von Fernsehen, und das quer durch alle Bevölkerungsschichten. Audioarbeit führt durch die Attraktivität des Mediums aber auch an politische und gesellschaftliche Themen heran.

Audio bietet also Chancen, die ergriffen werden wollen.

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2.2. Kinder & Jugendliche und deren Audiokompetenzen

Chancen ergreifen heißt, Möglichkeiten mit Notwendigkeiten und Voraussetzungen so zu kombinieren, daß der größtmögliche Effekt entsteht. Bietet Audioarbeit Besonderes im Umgang mit Kindern (hier: 1. - 6. Klasse) und Jugendlichen (hier: 7. - 13. Klasse)? Was zeichnet Kinder, was Jugendliche aus, das Bedeutung für den medienpädagogischen Alltag hat?

Kinder unterscheiden sich von Jugendlichen und Erwachsenen nicht nur dadurch, daß sie kleiner und jünger sind.

Der Kindheit schließt sich die Jugend an.

Natürlich sind die Jahrgangszuordnungen zur Entwicklungsstufe durchgängig und im Einzelfall fließend. Die Zugehörigkeit "Kind", "Jugendlicher" definiert sich deshalb über die Ausfüllung der Merkmale, unabhängig vom tatsächlichen Alter.

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2.3. Vermittlung von Medienkompetenz

Eine der elementaren Voraussetzungen zum Leben und Arbeiten in den nächsten Jahrzehnten wird die Fähigkeit sein, Medien aktiv zu nutzen. Die Vermittlung von Medienkompetenz als gesellschaftliche, schulische, betriebliche, verbandliche und private Herausforderung ist damit eine pädagogische Herausforderung auf allen Lernebenen. Sinnvollerweise muß die Frage gestellt werden, welche Lernsituation geschaffen, was vermittelt werden soll.

Die hinlänglich attestierte Reizüberflutung mit Tönen und Bildern in der Lebenswelt Jugendlicher wie auch Erwachsener erfordert aber gerade auch neue Hörkompetenzen und Informationsselektionen. Töne, Geräusche und Sprache können, genau wie bewegte Bilder, auf dreierlei Arten verstanden werden: kognitiv begrifflich, instrumental und intuitiv/ emotional. Wird Medienarbeit im Bereich Audio aktiv, so sollte sie diese Faktoren in ihren Konzepten und Projekten verankern.

Video und Multimedia sind "in". Der pädagogische Alltag zeigt jedoch, daß in der Praxis nicht jedes Medium, nicht jeder Inhalt in jeder Altersstufe gelehrt werden kann. Insbesondere bei Kindern, also Personen, die jünger als zwölf bis vierzehn Jahre sind, wird in der Praxis schnell deutlich, daß

In der Praxis geht mit Kindern jedoch die Audio-Arbeit leicht von der Hand. Die Beobachtung eines verträumt eine "Benjamin Blümchen"-Kassette hörenden Kindes findet hier ihr pädagogisches Pendant.

Die Möglichkeiten von medienpädagogischer Audioarbeit lassen sich also gut gerade auf die Anforderungen an den Umgang mit Kindern abstimmen - dies erklärt die guten Einsatzmöglichkeiten und bietet eine Grundlage für die differenzierte Auseinandersetzung mit Geräuschen, mit Sprache, mit Musik.

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3. Floh im Ohr und Fischauge - Ein neuer Ansatz ländlicher Medienarbeit

Das Praxisprojekt "Fischauge - das rollende Videocamp" wurde 1996, 1997 und 1998 erfolgreich in den Kreisen Rendsburg-Eckernförde, Nordfriesland und Plön durchgeführt. Fischauge ist ein rollendes Videocamp. 4 Wochen zieht das Medienmobil im Sommer über's Land. Auf Dorfplätzen errichtet es für jeweils 5 Tage ein Camp mit Großzelten, einer Bühne, Kameras, Schnittplätzen und 6 Mitarbeitern. Kinder und Jugendliche haben auf diese Weise in den Sommerferien die Möglichkeit, kompetent begleitet mit den Medien Video & Film zu arbeiten.

Fischauge bearbeitet Medienkompetenz sowohl technischer, als auch inhaltlicher und gestalterisch, dramaturgischer Art und lehnt sich in seinem Ansatz durchaus auch an Inhalte und Methoden ästhetische Erziehung an. Dabei ist Fischauge nicht einfach "Fernsehen auf dem Dorf", sondern will ungewöhnlichen Blickweisen und Ansätzen Raum verschaffen, jugendliche Bilderwelten etablieren. Es gesteht den Jugendlichen zu bzw. fordert die Jugendlichen auf, außerhalb etablierter Fernsehnormen entstehende Bilder und Bildsequzenzen mit der angebotenen Technik und der Beratung durch das Mitarbeiterteam zu entwerfen und daraus eigene Filme zu kreieren.  


Auf der Grundlage des Projektes Fischauge entwickelte das Projektteam 1998 ein Parallelprojekt für den Bereich Audio. Die Ansätze und Konzepte des Projekts Floh im Ohr sind also durchaus bewußt mit den Grundgedanken des Projekts Fischauge verwandt.

Floh im Ohr startete im Sommer 1998 erstmalig mit zwei Stationen im direkten ländlichen Umfeld der Stadt Lübeck und somit im Ausstrahlungsbereich des in Lübeck angesiedelten Offenen Kanals Lübeck - Hörfunk.

Im Folgenden werden zunächst die Arbeitsansätze des Projektes Fischauge dargestellt. Anschließend werden am Praxisprojekt Floh im Ohr die Überlegungen und Erfahrungen zu einem neuen Ansatz ländlicher Medienarbeit, bezogen auf Audioarbeit, gebündelt.

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3.1. Merkmale Fischauge

Das Projekt Fischauge1  hat vier Standbeine:

Kommunikation Politische Bildung

Medienkompetenz

Jugendarbeit

1
dokumentiert in: Graue Reihe Nr. 12 "Fischauge '96", Nr. 15 "Fischauge "97" und Nr.18 "Fischauge '98" der Unabhängigen Landesanstalt für das Rundfunkwesen (ULR)





Geräuschejagt - mit einfachsten Rekordern querfeldein auf der Suche nach dem ultimativen Klang.


Insgesamt stellt sich das Konzept von Fischauge als ein Modell dar, in dem auf der Grundlage von Kommunikation mit Mitteln der Jugendarbeit Lernziele aus dem Bereich Politische Bildung und Medienkompetenz erreicht werden.

Modell 1: Arbeitsfelder Fischauge


Medienarbeit im ländlichen Raum erfordert eine besondere Herangehensweise. Insofern verlegt das 1998 bereits zum dritten Mal veranstaltete rollende Videocamp Fischauge nicht nur bekannte Konzepte der Medienarbeit und der Medienpädagogik auf Dorfplätze, sondern geht differenziert auf die Gegebenheiten des ländlichen Raumes ein.

 


"Abhören" der frischen Aufnahmen voller Spannung wird gelauscht, kritisiert, gejubelt


Modell 2: Ländlicher Raum und Fischauge

Situation der Medienarbeit im ländlichen Raum Konsequenzen Ergebnis
Fehlende Infrastruktur in der nicht-verbandlichen Jugendarbeit. Fischauge schafft einen Raum, eine Heimat vor Ort und auf Zeit. Jugendliche nutzen Raum für Kreativität und Kommunikation.
Keine professionell ausgebildeten pädagogischen Kräfte vorhanden. Fischauge stellt eigene Mitarbeiter. Das Dorf setzt sich mit neuen Konzepten in der Jugendarbeit auseinander.
Kaum Auseinandersetzung mit neuen Inhalten oder mit neuen pädagogischen Konzepten. Umsetzung im ländlichen Raum funktioniert nur teilweise. Fischauge
  • schlägt alternative Konzepte vor,
  • zeigt, daß diese umsetzbar sind und
  • steht für Diskussionen bereit.
Fischauge stellt sein Angebot autark zur Verfügung, es muß sich verbandlichen, kommunalen oder Vereinszwecken nicht unterwerfen. Die ganze Kommune, der Bürgermeister, die Gemeindevertretung, identifizieren sich mit Fischauge, um eine organisatorische Basis zu gewährleisten, da Fischauge von außen initiiert ist.
Bilder und Töne sind von spezifischen Erfahrungen geprägt. Alltagsthemen werden aus der Medienwelt übernommen, lokale Themen sind oft "out".
Kinder und Jugendliche befinden sich im Spannungsfeld zwischen Schul- und Medienwelt einerseits und Alltagswelt andererseits.
Durch das Medium wird Lokales, Menschen, Geschichte zum Thema.

Fischauge thematisiert das Dorf und verbindet "nahe" Themen und "ferne" Medien. Fischauge im Dorf ermöglicht Mediennutzung im Alltagsraum

Jugendliche können ihre Themen tatsächlich vor der eigenen Haustür entwickeln, erarbeiten, recherchieren, produzieren und schließlich auch präsentieren.

Jugendliche und Kinder haben den Hintergrund ihres Zuhauses, d.h. ihrer Familie und der Dorfgemeinschaft in der gesamten Projektdauer.

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3.2 Merkmale Floh im Ohr

Wie Fischauge baut auch Floh im Ohr auf vier Standbeinen auf: Kommunikation, Politische Bildung, Vermittlung von Medienkompetenz, Jugendarbeit. Auch wenn Floh im Ohr wegen seiner Konzentration auf das Hören bzw. Tonproduzieren eine andere Sichtweise hat als Fischauge, so sind doch die Grundlagen eng aneinander angelehnt.

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3.2.1 Kommunikation

Hörfunk, Floh im Ohr, hat gezielt mit Kommunikation zu tun. Kommunikation ist ein Strukturelement, das Gesellschaft seit ihren Anfängen ausmacht und inzwischen als vertechnisierte, konsumierbare und verkaufbare Ware genutzt wird. Auseinandersetzung mit Kommunikation führt zu deren bewußten Nutzung, sowohl auf der Sende-, als auch auf der Empfängerseite.

Auch wenn Kommunikation normalerweise Bild und Ton und "Atmosphäre" beinhaltet, so bringt doch schon die Befassung mit dem auditiven Aspekt der Kommunikation wichtige Erkenntnisse. In der Produktion erfolgt eine angeleitete Auseinandersetzung mit Funktionsweisen und Abläufen von Informationsvermittlung sowie den einzelnen Kommunikationswegen bzw. der Gestaltung dieser einseitigen medialen Kommunikation.

Floh im Ohr thematisiert und bearbeitet direkte und
   mediale Kommunikation
Floh im Ohr will Kommunikation auf zwei Ebenen ermöglichen.

Modell 3: Kommunikationsebenen



Medienebene

Über das Medium kommunizieren die Kinder und Jugendlichen mit den Hörern der Sendung.

Basisebene

Real,
also durch Sprache ohne weitere mediale Unterstützung, kommunizieren
  • die Jugendlichen durch ihre Produktion untereinander,
  • mit Gesprächspartnern während der Aufnahmen und
  • den realen Besuchern, dem Dorfpublikum während der öffentlichen Abschlußpräsentation.


Durch die Möglichkeit des Hörfunks, mit geringem Aufwand Live-Sendungen zu ermöglichen, und der Auswahl der Projektorte innerhalb des Sendebereichs des OK Lübeck, ist es mit Floh im Ohr gelungen, mediale und persönliche Kommunikation während der Projektzeit zu ermöglichen. Aber auch während der Vorbereitung der Sendung ist das Merkmal von Floh im Ohr die direkte Verquickung medialer und non-medialer Kommunikation. Geräusche und Gespräche aufnehmen, gleich anschließend abhören und am selben Tage noch bearbeiten - das macht deutlich, wie Kommunikation funktioniert. Gleichzeitig ist eine kurzwegige Rückkopplung zwischen den Kommunizierenden möglich: Es ist einfach, Gespräche noch einmal zu wiederholen, wenn die Aufnahme nicht gelungen ist, die Aufgenommenen schauen aber auch oft ins Camp und hören sich die Ergebnisse an.

Floh im Ohr bewegt sich im öffentlichen Raum.

Beim Radiocamp Floh im Ohr sind die gesamten Prozeßabläufe der Erstellung eines Hörfunkbeitrags und auch das Campleben öffentlich. Das Camp steht mitten auf dem Dorfplatz und bildet mit Großgruppenzelten, der mobilen Bühne und zwei Kleintransportern eine offene Wagenburg. Die gesamten Arbeitsabläufe einer Hörfunkproduktion, Geräuschexperimente, erste Anfänge, die Tonbandeinführung, technische Erläuterung, die Diskussion in den Gruppen selbst, die Ideenfindung oder das Basketballspiel von Jugendlichen auf dem Campgelände finden öffentlich statt. Jeder, Eltern, Freunde oder auch Dorfbewohner, wird ohne Hemmschwelle zum Besucher, kann Fragen stellen, Einblick nehmen. Jeder kann nicht nur ein Gespräch mit den Mitarbeitern führen, sondern auch den Umgang der Jugendlichen mit dem ungewohnten Medium, mit den Cassettenrekordern, das Sichten ihrer Aufnahmen, also ihren Produktionsprozeß, erleben. Nicht selten ist es das erste Mal, daß Jugendliche sich außerhalb eines Vereins an einem festen Werk, an einem Produkt, arbeitend präsentieren, Ideen entwickeln und diese selbst umsetzen. Weiterhin bieten sich Themen des öffentlichen Lebens, die Befassung mit Umwelt und Mitmenschen als filmisches Thema ohne Hemmschwelle an. Direkt auf dem Marktplatz zu produzieren heißt auch, sich den Menschen, dem Dorf medial zu stellen und anzunähern.


Wesentlich ist deshalb für diesen Ansatz, die Öffentlichkeit und dabei natürlich vor allen Dingen die Bewohner des Dorfes und ihre eigene Neugierde an der Arbeit schon vor der Präsentation der Jugendlichen ein wenig in das Projekt einzubinden. Bei der Präsentation geht es natürlich vorrangig darum, daß abgeschlossene, selbständig produzierte Werk der Öffentlichkeit vorzuführen. Einblicke in den Arbeitsprozeß können hier nur am Rande gegeben werden. Der Hörfunk, dessen Normen im Verlauf im Projektes ohnehin im Hintergrund gehalten werden, tritt hier also auch hinter die öffentliche Präsentation, hinter die Live-Sendung, auf dem Dorfplatz zurück

Floh im Ohr will im Dorf erkennbar sein.

Floh im Ohr ist wider den Alltag gebürstet - die Medienwagenburg, die Aktivitäten der einheimischen Kinder und Jugendlichen, allein die Tatsache, daß aus einem Dorf berichtet wird, sind vor Ort unüblich. Da die Aktion nur vier Tage dauert, muß sie auch im Ort erkennbar sein, will gerne Dorfmittelpunkt sein, damit der nicht-Alltag deutlich wird. Auch nur als tatsächlicher Stolperstein kann die beabsichtigte Durchmischung von medialer und non-medialer Kommunikation, die das Projekt benötigt und hervorruft, erzielt werden.

Die Erkennbarkeit des Projekts im Dorf ist dabei mehr als eine reine PR-Maßnahme für das Projekt oder für den Offenen Kanal.

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3.2.2 Politische Bildung

Auch wenn die Diskussion um die Eigenart von Politischer Bildung nie abgeschlossen ist und auch nicht sein kann, so ist doch immer der Konsens die Grundeigenschaft der Politischen Bildung als Elixier der Demokratie. Das Ergebnis von Politischer Bildung ist somit der politisch informierte Staatsbürger,

Für Jugendliche ist Politische Bildung oft ausschließlich Schulfach und daher eher mit Makeln behaftet. Floh im Ohr kann durch den Reiz eines Radiocamps Kinder und Jugendliche mit Politischer Bildung befähigen, an der Gesellschaft aktiv und gestaltend zu partizipieren.

Floh im Ohr setzt sich mit den Themen des öffentliches
    Lebens auseinander.

Politische Bildung bedeutet auch, sich mit - bisher teilweise unbekannten - Themen, mit ungeliebten und unbequemen Aspekten, beispielsweise der geschichtlichen Vergangenheit des Dorfes, auseinanderzusetzen. Themen außerhalb des Gesichtsfeldes der Jugendlichen durch ein Medium aufzugreifen, bietet pädagogisch und praktisch besondere Möglichkeiten. Methodisch werden Jugendliche dann bei von den Mitarbeitern möglichst jugendgerecht an das Thema herangeführt. Wichtig aber immer wieder: Jugendliche begeben sich mit Rekorder und Mikrofon in thematische Bereiche, in Lebensumfelder, die ihnen sonst verborgen blieben. Darüber hinaus präsentieren sie ihren noch neu gewonnenen Blick frisch und in einem abgeschlossenen Produkt ihrer Umwelt, der Öffentlichkeit.

Einflüsse von Schule und Umwelt, erstmalig formuliert, werden von den Jugendlichen in einem ihnen adäquaten Medium umgesetzt. Dies versteht sich durchaus auch als Bewußt­werdung von Ansichten und Meinungen, der Formulierung von Positionen und deren Begründung, der Umsetzung von Themen und Gedanken der Jugendlichen. Letztlich führt dies natürlich zu einer tieferen Auseinandersetzung mit den Inhalten, und die Forderung nach der Einrichtung eines Jugendtreffs wird von Jugendlichen über die Erstellung des Beitrags neu reflektiert, Möglichkeiten des Mediums über "Meinungsmache", zur gezielten, beeinflussenden Artikulation werden vielleicht erstmalig erfahren.

Auch die kommunalen Politiker, die Erwachsenen, erleben eine bereits bekannte Forderung vor einem anderen Hintergrund. All das bedeutet eine andere Facette jugendlichen Lebens. Daraus resultierende Ansprüche und Forderungen, die an die Dorfgemeinschaft insgesamt herangetragen werden, würden sonst kaum jugendgerecht artikuliert werden können.

Floh im Ohr bezieht sich auf "lebendige Dörfer".

Der Gegensatz Stadt und Land spielt sich mitnichten als entweder/oder-Entscheidung ab. Die Modernisierung des nicht-städtischen Raumes hat auf dem Lande sehr differenzierte Siedlungsformen hervorgebracht. An das System der zentralen Orte nach Christaller angelehnt, hat die Raumordnung die existierenden ländlichen Funktionen beschrieben und die Beziehung der Gebietskörperschaften Land/ Kreis/ Gemeinden untereinander reguliert. In der Praxis finden sich aber außerhalb der Städte viele gleich aussehende Punkte auf der Landkarte, die völlig unterschiedlich funktionieren. Nicht nur in direkter Umgebung der Städte ist wegen der Mobilität der Bevölkerung an vielen Stellen eine Besiedlung entstanden, die wie eine Vorstadt aussieht, jedoch weit weg von den eigentlichen Städten ist. Auch die Siedlungspolitik nach 1945 und die Unterbringung der Flüchtlinge hat zu speziellen Siedlungsformen geführt.

Ein "lebendiges Dorf" ist für die Konzeptionen von Fischauge und Floh im Ohr ein Dorf,

- Versorgungseinrichtungen (Laden, Gaststätte, ein
   oder zwei Kleineinrichtungen),        
- soziale Infrastruktur (Grundschule, Kindertagesstätte,
  Kirchengemeinde),        
- Verkehrsinfrastruktur (Erreichbarkeit und nicht
  Zerschneidung durch übergeordnete Straßen),       
- soziale Mischung (Alter, Herkunft, Einkommen) statt
  sozialer Homogenität,
- ein erkennbares und vielfältiges politisches und
  soziales Kommunalleben.

Ein auf diese Weise beschriebenes "lebendiges Dorf" hilft, im Gegensatz beispielsweise zu einer Nachkriegssiedlung, bei der Realisierung eines Projektes auf verschiedenen Wegen:

Bestehende Jugendarbeit ist absolut kein Muß für die Arbeit von Floh im Ohr. Sie schafft jedoch ein Fundament. Da die aktive Medienarbeit nicht zur Mediensozialarbeit, zum bloßen Hantieren mit der Kassettenrecorder statt Billard oder Tischtennis degradiert werden soll, kann ein Mediencamp ein bestehendes Defizit an Jugendarbeit oder Jugendsozialarbeit nur am Rande bearbeiten.

Floh im Ohr läßt Jugendliche die ihnen bekannte Umgebung reflektiert wahrnehmen.

In den Produktionen Jugendlicher finden sich die Erwachsenen, Eltern, Freunde, Bekannte, die Dorfbewohner, oft natürlich als Inhalt wieder. Bei der Live-Sendung erleben sie Statements des Bürgermeisters, Straßenumfragen zum neuen geplanten Supermarkt im Dorf oder besuchen gemeinsam das Wohnzimmer einer Großmutter, die in einem Gespräch Einblicke in das Dorfleben vor 50 Jahren gewährt. Daneben laufen natürlich die fiktionale Produktionen, wie die Hörspiele und Einspielbeiträge mit bekanntem und den Einwohnern wohl vertrautem Hintergrund. Medienarbeit/ Audioarbeit dient dabei immer auch als Katalysator. Tabus können erprobt und gebrochen werden, Leute und Orte werden mit der Legitimation der Recherche erkundet und entdeckt.

Floh im Ohr befähigt Jugendliche zur Artikulation ihrer
    Interessen und Bedürfnisse.

Interessen (objektiv) und Bedürfnisse (subjektiv) von Kindern und Jugendlichen sind immer vorhanden. Diese Interessen und Bedürfnisse jedoch präzise zu formulieren, und dieses im Dialog mit Jugendlichen, fällt nicht nur Pädagogen, nicht nur auf dem Land, schwer. Jugendliche sind zudem oft kaum in der Lage, ihre Interessen dezidiert zu beschreiben, wohl aber fähig, ihre Bedürfnisse, die aus der konkreten Situation geboren sind zu formulieren. So wird in vielen Orten der Ruf nach einer Skater-Bahn laut, ob das jedoch die Interessen der Jugendlichen nach Bewegung und Kommunikation abdeckt oder nur eine Modeerscheinung ist, ist von Ort zu Ort unterschiedlich.

Die Möglichkeit, andere Jugendliche, aber auch Erwachsene, über das Dorf, über die Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen zu befragen, läßt neue Kenntnisse über das eigene Dorf entstehen.



Schnitt an der Bandmaschine - technisch ein "Kinderspiel"

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3.2.3 Vermittlung von Medienkompetenz

Durch den technischen Fortschritt, durch die - zumindest in der Technologiedebatte - Dominanz des Internet bei der Diskussion von Medien, spielt der Ton, wenn auch heutzutage als digitale Datei, eine oft unterbewertete Rolle. Über "Real Audio" ist zwar inzwischen eine Liveübertragung von Sendungen, wenn auch in noch ausbaufähiger Qualität, weltweit möglich. Auch Tonbearbeitungsprogramme versuchen, Tonbänder imitierend, Nachbearbeitungsmöglichkeiten anzubieten, die mit dem Tonband kaum möglich sind.

Selten bietet Fernsehen ein Bild ohne Ton an. Oft gibt es jedoch einen Ton ohne Bild, oft ist der Ton auch auslösendes Signal für ein zu erwartendes Bild, und wenn es beim Einschalten eines PC ist. Der Ton ist also aus einer Multimedia-Diskussion nicht wegzudenken, sollte vielmehr bei der Vermittlung von Medienkompetenz eine größere Rolle als bisher spielen.

Floh im Ohr regt an zur Nutzung von Medien außerhalb
    herkömmlicher Hörfunk-Schemata.

Vom Ton zur Klangtapete ist es oft nicht weit. Kaufhäuser setzen "MUZAK" (ein Satellit sendet Kaufhausgedudel) als Kaufimpuls verstärkendes, enthemmendes Werkzeug ein. Diskussionen der Musikredakteure bei Privatradios drehen sich um die Frage, mit welcher Musik die Hörer auf den Sender süchtig gemacht, wie sie bei der Stange gehalten werden können, um auch noch den nächsten Werbespot abzuwarten, zu ertragen. Auch der öffentlich-rechtliche Hörfunk kann sich durch die Konkurrenzsituation derartigen Entwicklungen nur schwer entziehen.

Die tiefe Prägung von Kindern und Jugendlichen ist durch die Allgegenwart des Tones, des konsequenten Einsatzes des Tones als Hintergrund für die Bewältigung von Lebenssituationen, umfassend und allgegenwärtig. So überrascht es nicht, daß Kinder und Jugendliche, wenn sie Audioaufnahme- und -bearbeitungs­geräte in die Hand bekommen, als erstes versuchen, Bekanntes nachzumachen. Schließlich können sich auch Erwachsene nicht der Versuchung entziehen, einmal wie Carlo von Tiedemann zu sein.

Quer zu hören, Töne differenziert wahrnehmen und schließlich zu produzieren, führt über die Auseinandersetzung mit dem Gehör zu einem bewußten Umgang damit. "Warum macht Ihr das eigentlich genauso wie .......?", führt nicht nur zu anderen Produktionen, führt, auch nach Beendigung von Floh im Ohr, zu anderem Hören.

Floh im Ohr thematisiert Wahrnehmung und regt an zur
    Nutzung gewonnener Erkenntnisse.

Die Hörkompetenzen Kinder und Jugendlicher sind durchaus vorhanden und ausgeprägt. Dies allerdings gleich weniger bewußt, reflektiert, bearbeitet, umgesetzt, ausgelegt als im visuellen Bereich. Die Imitation einer Fernseh-Comedy-Show, die mit ihren unterschiedlichen Elementen schon relativ komplex angelegt ist, ist für Jugendliche in den 90er Jahren sehr viel einfacher als die Reproduktion einer ähnlich komplex angelegten Hörfunksendung mit unterschiedlichen Bausteinen.

Die Möglichkeit, Töne selbst zu produzieren und dann aufzunehmen, oder auch auf Tonsuche mit einem Aufnahmegerät zu gehen, eröffnet Kindern und Jugendlichen erst die Möglichkeit, komplexe Töne in deren Einzelteile zu zerlegen und diese Einzelteile dann zu erkennen. Die Tonproduktion führt somit zu neuen Analysemöglichkeiten von Gehörtem.

Töne bewußt wahrnehmen heißt aber auch, Töne nach - individuellen oder als Gruppenkonsens erlebten - Kriterien zu bewerten. Bei welchem Ton fühle ich mich wohl, was aktiviert mich, was läßt mich zur Ruhe kommen? Eine Sensibilisierung der Sinne führt auch aus dem diffusen Gefühl zur Formulierung von Wahrnehmung und kann daneben aber auch ganz neue Ebenen des Hör- Sinnes erschließen. Erst das Wissen um die Wirkung von Tönen und deren Bewertung führt schließlich dazu, sich auch bewußt für oder gegen Töne zu entscheiden, sich die Anwesenheit von Tönen zu wünschen oder sich zu verbitten.

Floh im Ohr leistet ästhetische Erziehung.

Unabhängig von vermutetem oder tatsächlichem technischen Wandel der nächsten Jahre wird es eine Konstante geben, die Medienästhetik. Ebenso, wie es unterschiedliche Vorstellungen darüber gibt, wie ein "gutes" Bild aussieht, ist auch die Frage, was ein "guter" Klang ist, natürlich diskussionsfähig, spätestens dann, wenn sich mehrere Töne aufeinander beziehen. Die "Zwölftonmusik" hat lange nicht so viele Freunde wie Symphonien von Mozart oder Beethoven - Tonharmonie kann relativ sein.

Ästhetische Tonerziehung


Modell 4: Arten und Methoden Floh im Ohr




Das journalistisch Übliche

bildet die Grundlage für die Produktion von Tonfolgen.









Das journalistisch Denkbare

bezieht sich darauf.

Übrigens: in diesem Rahmen ist auch eine Diskussion der kommerziellen

Medienstruktur möglich.








Experimentelles

stellt das dar, was einhellig als Hörfunk weder üblich noch denkbar ist, wohl aber Klänge und deren Herstellung thematisiert.



In der Praxis können dabei beide Wege gegangen werden. Der Einstieg über existierende journalistische Möglichkeiten (im Modell von links nach rechts) ist eher konventionell und für mit höheren Absorptionsfähigkeiten ausgestattete ältere Jugendliche geeignet. Das Tonexperiment (im Modell von rechts nach links) ist oft dem Spielerischen verhaftet und bietet somit gute, der entwicklungspsychologischen Situation von Kindern und Jugendlichen entsprechende, Möglichkeiten, um einen Einstieg in die Beschäftigung mit Tönen zu finden.

Sowohl Floh im Ohr als auch Fischauge erschließen jedoch durch gezielte Angebote beide Richtungen der Herangehensweise für alle Altersgruppen: Ungewöhnliche Bildformen (siehe auch Broschüre "Fischauge '98- TycoCams") bzw. Ton- und Klangexperimente werden auch schon zu Beginn angeboten oder als Quereinstieg für Nachzügler genutzt. Parallel zur ersten Themenfindung bieten die "Tontische" und die unterschiedlichen Bearbeitungsaspekte nutzende "Klang-Küche" einen Einstieg ins Medium Audio, der auch Jugendlichen Möglichkeiten außerhalb der journalistischen Hörfunk-Arbeit bietet. Medienkompetenzvermittlung beinhaltet notwendigerweise auch immer das Aufzeigen der "Rechtmäßigkeit" dieser weniger etablierten Formen eines Mediums. Die Beschäftigung mit dem Experiment macht dabei auch deutlich, daß Bekanntes und Übliches mitnichten den Spielraum des Möglichen ausschöpft und läßt später eine Verknüpfung beider Ebenen möglich erscheinen.

Floh im Ohr vermittelt Kenntnisse zur Nutzung von
    Medientechnik.



pffffh, pffffh - einfache Technik ermöglicht Konzentration auf Ideen und Inhalte

Die Beherrschung der Medientechnik ist die Voraussetzung für ihre Nutzung. Medientechnik allerdings ändert sich schneller als das im pädagogischen Alltag nachvollziehbar ist. Sie ändert sich aber auch oft völlig unerwartet. Eins jedoch ist gewiß: Kinder und Jugendliche werden gerade die Medientechnik, die sie heute kennenlernen, garantiert nicht später im Beruf brauchen können. Medientechnisches Lernen muß deshalb so erfolgen, daß es Strukturen und Ausprägungen vermittelt.


Modell 5: Modulares technisches Lernen

Die zur Verfügung stehende Medientechnik kann als eine denkbare Bedienoberfläche zur Tonbearbeitung genutzt werden

Einfache Tonexperimente ("Dosentelefon") bewirken dabei ein tieferes Verständnis der physikalischen Zusammenhänge und sensibilisieren Wahrnehmung und Kreativität.



Die Grundlage für das Verständnis von Medientechnik ist das Verständnis ihres physikalischen Zusammenwirkens, bzw. des Zusammenspielens der Einzelkomponenten ("Das Mikrophon verwandelt ein akustisches in einen elektromagnetisches Signal" oder beispielsweise der Audioschnitt).

Wichtig ist beim technischen Lernen, daß die aktuelle Bedienoberfläche hinterfragt werden kann und den Teilnehmern bewußt ist, daß dies nicht die einzig mögliche ist. Pädagogisch genutzte Medientechnik muß deshalb - insbesondere von der Struktur her - modular aufgebaut sein. Erkenntnisse, die bei der Benutzung einfacher Geräte gewonnen werden, müssen direkt auf die Benutzung komplizierterer Geräte übertragbar sein.

Floh im Ohr macht mit Methoden der aktiven Medienarbeit
    Hörfunknormen transparent.

Die Methode der aktiven Medienarbeit hat sich im Alltag des Offenen Kanals als effektiv und motivierend erwiesen. Transparenz der Produktionsabläufe entsteht durch das "Selbermachen".

Modell 6: Methode in der aktiven Medienarbeit und Produktionsablauf


Idee



Konzept



Produktion



Sendung/ Rezeption


Reaktion





Sach- kompetenz


Partizipations- kompetenz


Rezeptions- kompetenz


Zwar erfordert aktive Medienarbeit einen höheren Material- und Organisationsaufwand als die allein sprachliche Befassung oder ein Vortrag mit Medienunterstützung. Entsprechend den Erkenntnissen der Lerntheorie ist jedoch der Lerneffekt dann am größten, wenn durch die Selbstbefassung und Selbstbeschäftigung die Lernprozesse auf Eigeninitiative zurückgehen.

Lernende behalten durchschnittlich etwa

20% von dem, was sie nur gehört haben,
30% von dem, was sie nur gesehen haben,
50% von dem, was sie nur gehört und gesehen haben,
70% von dem, was sie selbst gesagt haben,
90% von dem, was sie mitdenkend erarbeitet und selbst ausgeführt haben.

Die Befassung mit Medien über die Methode der aktiven Medienarbeit führt letztendlich dazu, daß (siehe Modell 4) über das Herkömmliche Experimentelles entdeckt wird und dadurch Konventionen transparent und hinterfragbar werden.



Camp-Charts - per Umfrage wird der Hit des Dorfes erfragt ...
und natürlich gleich gesendet

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3.2.4 Jugendarbeit

Floh im Ohr versteht sich als Jugendarbeit vor Ort und
    greift auf Methoden der Jugendarbeit zurück.

Jugendarbeit hat sich üblicherweise neben einem pädagogischen Konzept innerhalb von sechs Strukturfeldern zu bewegen

Modell 7: Strukturfelder Jugendarbeit

Motivation Die Notwendigkeit interner Motivation zwingt die Verantwortlichen zu adäquater Adressatenansprache.
Zeitrahmen Ohne 45-Minuten-Schul-Rhythmus kann Jugendarbeit die mediale Betätigung dem Zeitbudget der Jugendlichen anpassen.
Finanzierung Engagement der Jugendlichen für Projekte schlägt sich oft in besserer Behandlung und Auslastung der Geräte nieder.
Mitarbeiter Teamarbeit entspricht eher Medien-Produktionsbedingungen als eine Hierarchie, setzt Kreativität frei und fördert soziale Kompetenz.
Kontinuität Projekte werden abgeschlossen, bevor neue angegangen werden. Medienarbeit und Jugendarbeit gehen hier gleichartig vor.
Curriculum Die Themen, die Jugendarbeit ohnehin behandelt, können über Medien interessanter vermittelt werden, als ohne.


Das pädagogische Konzept von Floh im Ohr hat als

Für das Medium Audio ergeben sich jedoch auch im ländlichen Raum einige wichtige Änderungen und Ergänzungen. Auch Floh im Ohr arbeitet im Dorf.


Modell 8:
Pädagogischer Ansatz Floh im Ohr

So läuft es bei einem Seminar Da liegt das Problem So löst Floh im Ohr das auf
Lage nach Beherbergungsort ausgesucht. Bezug auf Dorf zufällig. Im Dorf möglichst zentral vor Ort.
Ablauf steht bei Beginn fest. Alltagstermine der Jugendlichen verhindern Teilnahme. Zeitplan kann mit jedem Produktionsteam variiert werden.
Teilnahmegebühren Soziale Segregation der Teilnehmer. Ist für die Jugendlichen kostenlos.
Seminare werden für Kinder + Jugendliche + junge Erwachsene oft getrennt angeboten. Keine Annäherung, kein thematische Austausch der unterschiedlichen Arbeitsgruppen. Arbeitet mit Jugendlichen im Alter von 8 bis 20 Jahren und hält dafür unterschiedliche methodische Ansätze bereit.
Feste Seminarzeiten
  • keine Freizeitstruktur,
  • eingeschränkter Kreativ- und Arbeitsraum.
  • Ist als durchgängig präsentes Camp strukturiert. Die Mitarbeiter wohnen in den Zelten, sind auch über Nacht verfügbar.
  • Keine Öffnungszeiten
Methoden stehen bei Tagungsbeginn fest. Eingeschränkte Möglichkeit individueller Arbeitsstile. Das Camp bietet inhaltlich und gestalterisch den größtmöglichen Freiraum.
Thema steht bei Tagungsbeginn fest. Themen vor Ort spielen eine geringe Rolle. Floh im Ohr arbeitet thematischen offen und ermöglicht den Teilnehmern die Festsetzung der Schwerpunkte.


Floh im Ohr ist als Camp fünf Tage ohne Unterbrechung im
    Dorf präsent.

Auch pädagogisch begleitete Lernprozesse sind Kommunikationsvorgänge. Den Anspruch von Floh im Ohr, während der Projekttage Teil des Dorfes und zugleich Heimat für Jugendliche inmitten des Dorfes zu sein, erfordert, daß die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter während der Projektzeit selbst auch Teil des Dorfes sind.

Eine wichtige Rolle fällt der "Camp-Architektur" zu. Das meint eine klare Gliederung der Angebote und auch eine klare räumliche Abgrenzung der unterschiedlichen, zeitgleich verlaufenden, Projektbausteine zueinander. Die Angebote und ihre unterschiedlichen Möglichkeiten müssen jederzeit für den Jugendlichen transparent präsentiert werden.

Floh im Ohr schafft innerhalb seines Angebots eine
    Arbeits- und Freizeitstruktur

Die Arbeit am und mit dem angebotenen Medium Audio steht natürlich im Mittelpunkt des Projektgeschehens. Nach der Erkundung des Mediums, Hörexperimenten oder der Einführung in die Technik der Aufnahmegeräte steht die Produktion selbst im Blickpunkt. Von der Diskussion der ersten Ideen bis zum Schnitt und zur Nachbearbeitung nimmt diese Arbeit den Hauptteil der Tage ein. Mit der Klang-Küche und den Tontischen stehen experimentelle Dauerangebote zur Verfügung, die außerhalb des jeweiligen Hauptwerkes genutzt werden können, das Camp ist jedoch auch für Freizeitaktivitäten geöffnet. Die Mitarbeiter bleiben auch abends vor Ort, schlafen in den Zelten und Fahrzeugen und ermöglichen so, ohne regulierende Öffnungszeiten auszukommen. Neben der Medienarbeit finden so auch ein Lagerfeuer, gemeinsames Kochen, Basketballspiel oder eine spontane Nacht-Produktion statt. Freizeit und Medienarbeit werden angenähert, das Camp bleibt durch seine nonmedialen Angebote dabei auch für Nachzügler attraktiv, die erst einmal schnuppern wollen.

Floh im Ohr spricht Kinder und Jugendliche an

Kinder und Jugendliche sind neben individuellen und gruppentypischen Interessen und Bedürfnissen gekennzeichnet durch altersspezifische Denkweisen und Entwicklungseigenschaften.


Modell 9:
Denken und Entwicklung Heranwachsender

Alter Denken Sozial-kognitive Entwicklung
7-8 Fixiert
Es gibt für jede Situation nur eine Handlungsweise oder Beurteilung.
Egozentrische Fixierung auf die eigenen Bedürfnisse unter Vermeidung von Strafe.
9-10 Isolierend
Alternativen kommen ins Blickfeld, werden jedoch isoliert bewertet.
Orientierung an den eigenen Bedürfnissen unter Beachtung der Interessen anderer.
11-12 Konkret-differenzierend
Vor- und Nachteile werden unverbunden abgewogen, Vorteilsmaximierung.
Orientierung an der Erwartung von Bezugspersonen und Bezugsgruppen.
13-15 Systematisch-kriterienbezogen Systematische Abwägung von Kriterien wird vorgenommen. Orientierung am sozialen System mit einer bewußten Übernahme gerechtfertigter Verpflichtungen.
16-18 Kritisch-reflektierend
Der Prozeß der Prioritätensetzung wird thematisiert und reflektiert.
Orientierung an individuellen Rechten und ihrer kritischen Prüfung unter dem Anspruch der menschlichen Gesellschaft.

(nach Tulodziecki, G.,1994, Unterricht mit Jugendlichen, 2. Aufl., Bad Heilbrunn)



Schon ab dem Alter von 9 Jahren beginnt also der reflektierte Bezug eigener Handlungen auf die anderer. Damit bedürfen Kinder und Jugendliche eines Umfeldes, das diesen Bezug ermöglicht. Nur ein umfassendes Lernangebot gibt Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit,

- Wissen auf Wirkung und Inhalt zu testen,
- Verhaltensweisen experimentell zu überprüfen,
- Können anzuwenden und eigene Fähigkeiten weiterzuentwickeln.

Floh im Ohr begegnet dieser Notwendigkeit durch gezielte Lernangebote.


Modell 10:
Lernangebote Floh im Ohr

Lernanforderung Praxis von Floh im Ohr
Lernangebote müssen vorhanden sein, die auf allen drei Lernebenen Erfolge ermöglichen. Wissen: Wie entstehen Klänge? Wie wirkt Audio?
Wie funktionieren Geräte? Verhalten: gemeinsam produzieren gemeinsam senden Können: Geräte bedienen
Der Übergang zwischen Lernangeboten ist auf verschiedenen Ebenen möglich.
  • Modulares Angebot (journalistisch/experimentell)
  • modulare Technik
  • offene Gruppenstruktur
  • dauernde Lernerfolgsbeobachtung
  • Auch in Pausen oder zeitlicher Freiraum bestehen Angebote, die mit dem Medium Erlebnisse und Erkenntnisse vermitteln.
Nebenbei-Experimente:
  • Klangküche
  • Geräuschejagd
  • Ton-Tische

  • Floh im Ohr bietet einen sozialen Raum.

    Das „Rundum-Angebot“ des Radiomobils soll aber immer auch ein Stück Ferien für Daheimgebliebene darstellen. Ein Stück selbstgestalteter Freiheit/ Freizeit, das sich abseits von durchaus verbreitet angebotenen Ferienpaß-Angeboten zur Gestaltung anbietet. Die Möglichkeit, eine Woche in diesem Projekt zu arbeiten, übersteigt natürlich die Kapazitäten kommunaler Jugendarbeit in den meisten Fällen. Auch die Finanzierbarkeit liegt außerhalb dessen, was eine einzelne Landgemeinde leisten kann. Hier verstehen sich Fischauge und Floh im Ohr als engagierte Bereicherung zu bekannten Klein­veranstaltungen eines dörflichen Ferienpaß-Programms.

    Sozialer Raum meint hier auch: Die Teilnehmer erleben sich unabhängig der Alltagsfaktoren Elternhaus und Schule in einer neuen Umgebung und in der Beschäftigung mit einem neuen Thema, dem Medium Video. Der soziale Raum des Camps schafft innerhalb der bestehenden Lebenswelt ein Forum, altersübergreifend mit anderen erleben Jugendlichen und Dorfbewohner Medienarbeit - und sich selbst mittendrin.

    Floh im Ohr benötigt als Medienprojekt dafür kompetente
        Mitarbeiter

    Eine konsequent vorbereitete Angebotsstruktur und feste Kompetenzgrundlagen im gesamten Mitarbeiterteam waren Voraussetzungen für die Etablierung der Projektreihe Fischauge im ländlichen Raum Schleswig-Holsteins. Mitarbeiter-Vor- und Ausbildung ist also nicht nur im pädagogischen Bereich notwendig, sondern muß sich neben dem technischen immer auch unbedingt dem künstlerisch-kreativen Ansatz annehmen. Ein konsequentes Konzept und eine durchgehende Reflektierung der Arbeitsergebnisse ist ebenso wichtig.




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    3.3. Erweiterungen Floh im Ohr

    Audio ist anders als Video - also ist der pädagogische Umgang mit Audio auch anders als der mit Video. Die Eigenarten von Audio eröffnen ein weites Feld, das, systematisch erschlossen, umfangreich Medienkompetenz vermittelt und letztlich Bilder in Video und Multimedia in einem neuen Licht erscheinen läßt.

    Eigenschaft Audio Praxis Audioarbeit
    Einfache Geräte sind leicht zu bedienen. Audiotechnik ist intuitiv nutzbar und leicht zu erlernen Kassettenrecorder fangen Geräusche, Töne und Worte ein, Kopfhörer geben sie wieder: Die Jagd nach Geräuschen erfordert technisch lediglich den Druck auf zwei Tasten und der Erfolg ist hörbar. Stabile Geräte lassen die Technik schnell vergessen, Geräuschejäger konzentrieren sich voll auf ihren "Auftrag".


    Eigenschaft Audio Praxis Audioarbeit
    Sprache und Geräusche spielen eine Rolle - die ungewohnte Sicht auf die Umwelt öffnet neue Sichtweisen. Töne, Geräusche, Klänge, Sprache werden analysiert, getrennt, einzeln betrachtet und beliebig zusammengefügt. Ton-Nahaufnahmen, Richtmikrofone, Wiederholungen: Geräusche geben ihr Geheimnis preis. Das Umfeld wird auf Tone konzentriert, der Informationsgehalt erkannt. Die Synthese am Tonmischer fügt zusammen, was vielleicht sonst nie zusammengehört. Kategorien werden vermischt: Geräusche mit Sprache, Klänge mit Tönen. Mit dem Kopfhörer werden Aufnahmen von der Umgebung getrennt und eine neue Welt entsteht, teils auf dem Tonband, teils im Kopf.


    Eigenschaft Audio Praxis Audioarbeit
    Aufnahme, Bearbeitung, Sendung: Bei einer Audioproduktion vergeht wenig Zeit. Schnitt, Nachbearbeitung erfolgt kurz nach der Aufnahme. Kassette vom mobilen Gerät in die Camp-Recorder stecken, anhören. Konzept, Überspielen auf Tonband und schon geht’s in den Schnitt. Oder vielleicht Aufnahmen gleich so herstellen, daß die Originalaufnahme zum Sendeband wird - nicht nur der Film, auch der Audiobeitrag entsteht im Kopf. Mit wenig Aufwand läßt sich ein sendefähiger Beitrag herstellen.


    Eigenschaft Audio Praxis Audioarbeit
    Geräusche werden ihrer Flüchtigkeit entzogen und festgehalten. Aufgenommenes ermöglicht durch Wiederholung Analysemöglichkeiten. Wer kennt nicht die Szene aus dem Fernsehen, in der der geniale Kommissar aus dem Hintergrund des Erpresseranrufes in der 7. Wiederholung die Ansage der U-Bahn Station „Voltastraße“ erkennt und so den Spitzbuben faßt.

    Einmal auf Band Aufgenommenes immer wieder mit dem Kopfhörer hören, vielleicht auch schneller oder langsamer als im Original, gibt immer neue Informationen frei. Und schließlich fügt sich, wie bei einer Sinfonie, die Harmonie aller Töne erst in der Gesamtschau des Tonwerkes.


    Eigenschaft Audio Praxis Audioarbeit
    Mit Tonband und Bandmaschinen werden Aufnahmen handwerklich geschnitten. Bandlänge visualisiert Aufnahmelänge, "Ton­schnipsel" und Toncollagen werden "begreifbar". Bei Audio ist Tonschnitt tatsächlich Schnitt von Material, Zerstörung eines Bandes in Teile und Zusammenfügen der Schnipsel. Tonlänge, sonst nur nach Gefühl oder mit der Stoppuhr erfassbar, ist an der Länge des aufnahmetragenden Bandmaterials direkt begreifbar. Schnittrythmus, Tonfolge, Montage - alles ist sichtbar. Auf diese Weise hilft auch das Auge bei der Produktion von Hörbarem.

    Eigenschaft Audio Praxis Audioarbeit
    Audioformen außerhalb der allgegenwärtigen Radionorm, also auch Toncollagen oder Geräuschmusik, sind einfach zu erstellen. Vor der Kreativität steht oft die Imitation. Junge Radiomacher bringen ihre Lieblings-CDs mit und identifizieren sich über ihrer Musik. Doch Parallel­angebote experimentellerer Art machen neugierig. Auch Schräges ist legitim, Geräusche werden zu Musik, Basis-Sampling - aus Geräuschen entsteht eine Ton-Collage.

    Eigenschaft Audio Praxis Audioarbeit
    Experimente mit Tönen und Geräuschen, Rückkopplungen oder Verfremdungen von Stimmen, Soundscapes sind faszinierend und erlernbar. Das Experiment ist leicht zu realisieren. Geräusch finden ist das eine, Geräusche selbst produzieren das andere. Zuerst werden Gegenstände aus der Umgebung bearbeitet, beklopft, bis sie ein Geräusch hergeben. Dann folgt der Einsatz der Technik: ein Tonabnehmer am Fön... whow! Es gibt kein Geräusch, das es nicht gibt, und jedes selbstproduzierte Geräusch verstärkt das Verständnis der Umwelt und das Verständnis der Technik.

    Eigenschaft Audio Praxis Audioarbeit
    Fast alles läßt sich in Worte fassen, die Beschränkung auf den Ton läßt eine volle Konzentration auf Sprache zu. Die Videokamera zeigt die illegale Mülldeponie und dem Reporter entfährt nur: "Das stinkt zum Himmel!". Der Tonreporter jedoch muß die Mülldeponie so anschaulich beschreiben, daß jedem Zuhörer die „Anrüchigkeit“ der Deponie auch ohne Bild deutlich wird. Gesten und Mimik sind dem Tonreporter nicht möglich - die Stimme, der Ton steht allein im Raum und muß von sich aus überzeugen.

    Eigenschaft Audio Praxis Audioarbeit
    Das Nichtvorhandensein des Bildes öffnet einen Raum für Phantasie und bietet einen kreativen Raum. Manche Geräusche sind eindeutig , andere nicht. Aber auch eindeutige Geräusche stellen sich unterschiedlichen Zuhörern unterschiedlich dar. Was für den einen eine freudiges Hundebellen ist, kann für den anderen schon bedrohlich wirken. Und die Information, daß der Hund mit dem Schwanz wedelt, fehlt dem Hörer naturgemäß ebenso wie die Alternative, der Biß ins Bein... Die Phantasie des Zuhörers macht aus dem Geräusch ein Bild, den Teil einer Vorstellung. Das Ergebnis dieser Phantasie ist offen und schwerer steuerbar als bei Video, weil das Bild erst generiert und nicht mitgeliert wird.

    Eigenschaft Audio Praxis Audioarbeit
    Die Notwendigkeit, Außenstehenden einen Gegenstand rein sprachlich zu vermitteln, erfordert ein hohes Abstraktionsniveau. "Sehen Sie, auf dieser Grafik wird es besonders deutlich, daß..." Nein, ohne Bild muß vom Vortragenden ein Vorgang, eine Struktur so dargestellt werden, daß Unbeteiligte das Gemeinte nachvollziehen. Die Analyse des Vortragsstoffes auf Schwerpunkte, Wichtiges, Vermittelbares und auf Undurchschaubares ist gefordert.

    Eigenschaft Audio Praxis Audioarbeit
    Kleiner Töne und Geräusche und komplexe Audioformen werden zu Paketen gebunden und bilden ein Ganzes. Audioarbeit findet in Kleingruppen, vielleicht auch in Einzelarbeit, statt. Arbeitsergebnisse sind oft kurz, immer schnell und stehen manchmal ohne Zusammenhang da. Diese Produkte in einen Beitrag, Beiträge in ein Hörfunkmagazin einzubinden, ist technisch einfach und sehr gut präsentabel.

    Eigenschaft Audio Praxis Audioarbeit
    Der Zusammenhang zwischen einer Tätigkeit und deren Erfolg wird hergestellt und als Erlebnis erfahrbar gemacht. Schnell erstellte Beiträge, die ebenso schnell den Weg in eine Sendung finden, schaffen Erfolgserlebnisse ohne Zeitabstand zur Aktivität selbst. Gerade Kinder werden auf diese Weise von Audio fasziniert. Bewegungsdrang setzt sich in Tondynamik um.

    Reportagen und Audio-Experimente: Hintereinander statt verwoben

    In der Etablierung der beiden Basiselemente Geräuschexperiment und Hörfunkbeitrag erfordert Audio eine andere Herangehensweise als ein visuelles Medium. Audio ermöglicht und erfordert eine stärkere Trennung beider Bereiche.

      Bei den Videoproduktionen der vergangenen drei Fischaugen-Aktionen wurden experimentelle, also auch spielerische, Ansätze, wie beispielsweise ungewohnte Kamerafahrten, Bildverfremdungen, ein außergewöhnlicher Schnittstil oder die Vermischung von drei, vier oder mehr Bildebenen meist direkt in den Hauptfilm integriert.

    Bei Audio dagegen werden statt dessen eher drei einzelne Beiträge gefertigt. Neben der Dorfreportage steht also noch eine Toncollage und zum Abschluß versucht sich das jugendliche Team vielleicht noch an einer Geräuschmusik. Dies liegt natürlich zuallererst an der kürzeren Produktionsdauer eines einzelnen Audiobeitrags, so daß bei einer Projektdauer von vier oder fünf Tagen ganz realistisch drei unterschiedliche kleine Hörstücke produziert werden können. Diesen Rhythmus auch in die Angebotsstruktur, also auch den Campablauf über die gesamte Woche, einzubinden, ist natürlich sehr wichtig. Zu beachten ist auch, daß nur selten alle drei Produktionen in ein oder derselben Gruppenkonstellation produziert werden, d.h., Fluktuation, die Chance auf Einbindung von Spätankömmlingen oder neugierig gewordenen Einsteigern am dritten Tag ist besser möglich, als in der relativ geschlossenen Produktion eines fünftägigen Videofilms.

    Die Trennung von experimenteller Ebene und Hörfunkbeitrag nach etabliertem Radioschema erklärt sich aber auch durch die eingeschränkten Entschlüsselungsfähigkeiten der menschlichen Hörwahrnehmung. Sie stößt schnell an ihre Grenzen, wenn es gilt, aus einem experimentell strukturierten Beitrag mit bearbeiteter Geräuschmusik und komplex angelegten Ton- und Geräuschinszenierungen den Sprach- oder Nachrichtenanteil zu entschlüsseln und zu verstehen. Nicht zu vergessen ist aber auch, daß im Videofilm neben dem eventuell verfremdeten und experimentellen Bild immer noch die Tonebene als Informationsbasis zur Verfügung steht.



    Produktion - auf der mobilen Bühne mischt eine Gruppe ihr Hörspiel ab

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    3.4. Resümee der Vorüberlegungen

    Theorie und Praxis liegen oft weit auseinander, oft dicht zusammen. Natürlich läßt sich keine Theorie 1:1 auf die Praxis übertragen, will keine Theorie die Praxis ersetzen. Gleichwohl ist ein konsequenter theoretischer Rahmen der einzig taugliche Parameter für die erlebte Praxis.

    Medienpädagogik und der ländliche Raum
    Der ländliche Raum unterscheidet sich in einer für die Medienpädagogik signifikenten Weise vom städtischen Raum, vielleicht auch, weil neue Medien gleiche Chancen für Stadt und Land beinhalten.

    Die Chancen des Hörfunks
    Die Nutzung von Hörfunk liegt in der heutigen bildorientierten Welt nicht automatisch auf der Hand. Offensichtlich ist diese Wahrnehmung nicht begründbar.

    Der Offene Kanal als Partner der Medienpädagogik
    Im Offenen Kanal Hörfunk, der als terrestrisch verbreitetes Bürgermedium zu späteren Entwicklungen in diesem Bereich gehört, hat aktivierende Medienarbeit einen Partner gefunden, der vieles ermöglicht und kaum einengt.



    Live Interview - mit vorbereiteten Fragen wird die Jugendarbeiterin "gelöchert"

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    4. Dieses Jahr: Süsel und Scharbeutz

    4.1. Ablauf einer Station

    Letztlich ist Floh im Ohr ein Lern- und Erfahrungsprozeß. Da Lernen zyklisch und nicht kontinuierlich verläuft, müssen auch die Projekte entsprechend angeboten werden. Genauso wie für den Bereich Video - nur für die reine Wissensvermittlung - "Lernpakete" benannt sind, müssen diese auch für den Bereich Hörfunk vorhanden sein. Da Audioarbeit andere Lernprozesse beinhaltet, zugleich schneller sein kann, müssen die Pakete völlig anders sein als bei Videoarbeit, die Lernzyklen aus anderen Paketen bestehen.

    Grundsätzlich gilt beim Hörfunk wie bei allen technischen Vorgängen, daß die Organisation von Lernen in Schritten erfolgt (s. "Modell 5: Modulares technisches Lernen").

    E ist ein wesentlicher Punkt der Hörfunkarbeit, daß Senden - auch in verschiedenen Stadien - möglich ist. Schon einfach aufgenommene Geräusche können Teil einer Sendung sein, ebenso wie das Hörspiel, das verschiedene Audioformen integriert.

    Für die Durchführung von Floh im Ohr sind deshalb drei Modelle für die Arbeit in Lernzyklen aufgestellt worden.

    Version 1: Kleine Lernschritte, die zu einer täglichen Sendung am Abend führen. Die Arbeit des nächsten Tages ist dann jeweils auf die des Vortages bezogen.

    Version 2: Bei den vier Tagen, die Floh im Ohr dauert, wird am zweiten und am vierten Tag gesendet. Der Zeitdruck einer Sendung tritt weniger häufig auf, es kann ggf. in Gruppen flexibler gearbeitet werden.

    Version 3: Es wird am Ende des Vier-Tage-Projektes einmal gesendet. Die Arbeit während der vier Tage ist flexibler möglich, allerdings ist es nicht möglich, Erfahrungen aus einer Sendung in die nächste einzuarbeiten.


    Live on air!
    Per ISDN geht die Sendung direkt über den Äther!


    Modell 11: Ablauf Floh im Ohr - Version 3

    1. Tag 2. Tag 3. Tag 4. Tag
    Vormittag Arbeitsfrühstück Themenfindung Arbeitsfrühstück Produktion vervollständigen letzte Aufnahmen Arbeitsfrühstück Produktion abschließen Schnitt
    Nachmittag Begrüßung/ Einf. Themenfindung Klang-Experiment Probe-Interview schnack wat Treff
    Geräte kennenlernen Aufnehmen Anhören
    schnack wat Treff Produktion vervollständigen Schnitt Geräusche­gimmicks schnack wat Treff
    Sendung erstellen Sendeplan Live-Sendung


    Entscheidungsgründe
    Um die flexible Arbeit in den Gruppen am größten zu halten, wurde entschieden, Version 2 und 3, und dies jeweils in einer der beiden Stationen, durchzuführen. In Süsel, wo wegen der vorhersehbaren Unstrukturiertheit der Teilnehmerschar die größtmögliche Flexibilität bei der Durchführung erforderlich war, sollte einmal, in Scharbeutz mit dem etwas verläßlicheren Rahmen des Ferienlagers, zweimal gesendet werden.

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    4.2. Ortswahl

    Die Auswahl der Orte sollte sowohl den Bedürfnissen des Projektes Floh in Ohr Rechnung tragen, als auch durch unterschiedliche Grundsituationen Erkenntnisse über die Durchführbarkeit von Floh in Ohr liefern. Grundlagen der Ortswahl waren:

    Aus den o.g. Gründen der Erkenntnisgewinnung sollte dabei

    In Süsel zeigt sich das örtlich Jugendzentrum interessiert und wurde ausgewählt, auch wenn der Platz wenig zentral lag. Zielgruppe deshalb: Jugendliche. Nach der Ansprache mehrerer Jugendlager erhielt eins in Scharbeutz den Zuschlag, das sich besonders kooperationswillig zeigte und wegen eines großen Platzes in der Lagermitte als geeignet von der zur Verfügung stehenden Fläche her darstellte. Zielgruppe dort: Kinder ab 9 Jahren.

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    4.3. Süsel

    Lage
    Die Flächengemeinde Süsel befindet sich zwischen Neustadt und Eutin und besteht aus 15 Dorfschaften. Zentrum und größtes Dorf der Gemeinde ist Süsel mit 1.158 Einwohnern. Insgesamt hat die Gemeinde 4.820 Einwohner, darunter 804 Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 18 Jahren.

    Infrastruktur
    Süsel ist ein Dorf wie viele andere: Kein Zentrum, wenig Busverbindungen, kein Kino, keine Diskothek, eine Grund- und Hauptschule. Neben der Kinder- und Jugendarbeit verschiedener Träger (Kirche, Verband, Gemeinde) ist vor allen das Jugendzentrum "Jungle House" ein wichtiger Anlaufpunkt, der überwiegend von den Kindern und Jugendlichen aus Süsel selbst genutzt wird. Für Kinder und Jugendliche aus der Umgebung besteht häufig ein Fahrproblem oder die Attraktivität der Städte, wie z.B. Eutin, ist größer, und/oder die Verkehrsanbindung besser. Außer dem Jugendzentrum existieren als informelle Treffpunkte noch die Bushäuschen in Süsel und Röbel, im Sommer der Bade- und Wasserskisee in Süsel, der Spazierweg, der von Süsel aus dorthin führt.

    Auswahl des Standortes
    Das Jugendzentrum befindet sich in Süsel am Ende einer Sackgasse neben der Grund- und Hauptschule. Am Jugendzentrum führt auch der Spazierweg zum Wasserskisee vorbei. Da Süsel keinen Marktplatz hat und ein festes Gebäude im norddeutschen Nieselsommer durchaus eine Hilfe sein kann, fiel die Wahl für den Standort auf die Fläche vor dem Jugendzentrum.

    Vorbereitung vor Ort
    Jugendzentrum, Gemeinde, Kinderschutzbund - das waren die örtlichen Kooperationspartner. Das Jugendzentrum steuerte Aussenfläche und Räumlichkeiten bei, die Gemeinde einen ISDN-Anschluß für die Live-Sendung, der Kinderschutzbund half bei der Werbung von Teilnehmern. Plakate, Handzettel und direkte Ansprache der Kinder und Jugendlichen im Jugendzentrum sollten Teilnehmer gewinnen. Bei Beginn von Floh im Ohr wurde jedoch deutlich, daß die Werbung nur eingeschränkt gewirkt hatte. So kamen die meisten Teilnehmer aus Süsel selbst, mit Ausnahme von Kindern und Jugendlichen aus einem Kinderhaus in Bujendorf und einer Jugendwohngemeinschaft in Zarnekau.

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    4.4. Scharbeutz

    Lage
    Scharbeutz liegt direkt an der Lübecker Bucht, unterscheidet sich von anderen Strandorten durch die friedliche Koexistenz von Badetourismus und Jugendfreizeitstätten. Im Sommer ist Scharbeutz in Vorort von Hamburg.

    Infrastruktur
    Als Touristenort verfügt Scharbeutz über alle notwendigen Einrichtungen und Geschäfte: Supermarkt und Strandboutique, Ärztehaus und Kurverwaltung. Durch die Wahl des Ferienzeltlagers als Projektort ergab sich aber ein anderer Stellenwert des Dorfes für Floh im Ohr: Gästekinder aus dem Zeltlager eroberten das Dorf mit dem Mikrofon. Ein Marktplatz wurde nicht benötigt, eine Öffentlichkeit des Projektes im Dorf war hier von vornherein nicht vorgesehen.

    Auswahl des Standortes
    Die Jugendfreizeitstätte Scharbeutz bietet ein Gelände, das weiträumig, zentral gelegen, direkt gegenüber dem Strand, gut erreichbar ist. Im Zeltlager gibt es eine vorteilhafte soziale Mischung (Alter, Herkunft). Floh im Ohr wurde im Mittelpunkt des Zeltlagers aufgebaut, Material- und Mitarbeiterzelte daneben. Der Träger des Zeltplatzes und die Vereine, die im Sommer zu Gast waren, waren bereit, Fläche und Infrastruktur zur Verfügung zu stellen und ihr eigenes Programm auf das Angebot von Floh im Ohr abzustimmen. Ein elementarer Schritt, in der Vorarbeit und Information der Gastgruppen vor der Anreise begründet.

    Vorbereitung vor Ort
    Das rollende Radiocamp zu Gast in einem Jugendzeltlager. Eine passende Beschreibung, kann Floh im Ohr doch hier an die örtliche Infrastruktur anschließen und die professionelle Organisation der Jugendfreizeitstätte nutzen. Der Ablauf des Radiocamps war durch Essenszeiten vorgegeben, Strom, Sanitärräume standen zur Verfügung. Der Mikrokosmos "Mediencamp", eine der Prä­missen des Projektes "Fischauge – das rollende Videocamp", wurde hier probeweise geöffnet. Teilnehmer, Themen und Infrastruktur des Zeltlagers wurden genutzt. So entstanden zeitliche Spielräume und die Möglichkeit, das Konzept außerhalb des reinen Mikrokosmos "Dorf und dessen Jugendszene" zu erproben.


    Sendung und Präsentation - Jubelschreie und Versprecher, alles live auf 98,8 Mhz

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    5. Projekterfahrungen 1998

    5.1. Erfahrungen in Süsel

    Werbung ist Werbung ist Werbung. Plakate, Flyer und Mundpropaganda der örtlichen Ansprechpartnerin (hier die Leiterin des Jugendtreffs) sollten in Süsel bewirken, daß Teilnehmer bei Projektbeginn informiert und interessiert waren. Entweder hatten die Handzettel ihre Zielgruppe nicht erreicht, oder - wie es ein Teilnehmer formulierte - die Vorstellung, selbst Radio zu machen, war so weit vom Alltag entfernt, daß keiner die Werbung ernst nahm. Floh im Ohr beginnt den Camp-Aufbau ohne Teilnehmer. Das Team krempelt die Ärmel hoch und zieht in der Sommerhitze los. Die informellen Treffpunkte sind bekannt, dort sind potentielle Teilnehmer zu suchen. Natürlich werden Handzettel mitgenommen, aber vor allem mit einem Reportagegerät in der einen, einem Mikro in der anderen Hand, die richtigen Fragen auf den Lippen - so erleben Jugendliche am Wasserskisee Radiomachen aus erster Hand - "Das kannst Du auch!"

    Schönwetterperiode und Werbungsdefizit erschwerten also den Beginn und verdeutlichten die Wichtigkeit der Arbeit des Ansprechpartners vor Ort. Doch auch die Berufstätigkeit bzw. das Jobben der Jugendlichen in den Ferien ließ das Durchschnittsalter der Teilnehmer sinken. Etwa 30 Kinder und Jugendliche im Alter von 7-20 Jahren arbeiteten, produzierten und experimentierten schließlich im Camp.

    Auffallend stark war die Unsicherheit dem Medium und auch der eigenen Kreativität gegenüber. Das Ausbrechen aus bekannten Vorlagen des Formatradios erschien schwierig; neue Genres wurden meist von den Mitarbeitern eingebracht oder im Rahmenprogramm angeboten. Das Vorbild des professionellen Mediums wog stärker, als dies im Bereich Video/Fernsehen der Fall ist. Etabliert durch Musikclips und Lifeslyle-Sendungen schlagen sich dort experimentelle Bilder oder rasante Schnittechniken auch in den Dreharbeiten der Jugendlichen nieder. Vielleicht liegt diese erste Erfahrung von Floh im Ohr auch an den monotoneren Sendeschemata der jugendkompatiblen Radiosender. Verglichen mit den Bausteinen und akustischen Erscheinungsbildern von Radiosendern wie N-JOY, RSH oder Delta Radio erscheint ein Fernsehabend selbst bei RTL, SAT1 oder Viva geradezu abwechslungsreich und phantasievoll...

    Interviews und Reportagen bildeten neben der obligatorischen Hitparade mit der Lieblingsmusik der Kinder und Jugendlichen die breite Basis der Produktionen in Süsel. Beim Anhören der Aufnahmen vor dem Schnitt zeigte sich dabei oft erstaunliches: Trotz anfänglichen Schwierigkeiten, in der Vorrecherche Fragen zu formulieren und die Herangehensweise an ein gewähltes Thema zu strukturieren, ließen später gezieltes Nachfragen, Zurückführen des Gesprächspartners auf das Thema oder das Eingehen auf gegebene Antworten ein vorhandenes Potential erkennen und bildeten den weiteren Arbeitsansatz für die Mitarbeiter.

    Bedingt durch die zeitintensive Werbephase wurde in Süsel die Zeit knapp. Eine intensivere pädagogische Arbeit im Hinblick auf eine Stärkung der Wahrnehmungs-, Nutzungs – und Handlungskompetenz sowie die freie und phantasievolle Arbeit hätte hier eines teilweise eines ausgedehnten Zeitrahmens bedurft.

    Die Abschlußsendung wurde von den Jugendlichen moderiert und neben dem erschienenen Dorfpublikum auch live den Radiohörern im Sendegebiet des Offenen Kanals Lübeck vorgestellt. Live-Interviews auf der Sendebühne, Verlosaktionen oder Geräusche-Rätsel standen hier neben zahlreichen Reportagen über außergewöhnliche Hobbys und unbekannte Sportarten oder der Welturaufführung einer kurzen Geräuschmusik.

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    5.2. Erfahrungen in Scharbeutz

    Ein Ferienzeltlager als Standort des Radiocamps war bewußt ein Versuch, das Spektrum der Projektreihe der rollenden Mediencamps auszuloten. Innerhalb der Scharbeutzer Jugendeinrichtung stellte Floh im Ohr also nur eingeschränkt einen abgeschlossenen Mikrokosmos dar. Mitarbeiter wie Teilnehmer richteten sich nach dem Rhythmus des Ferienlagers, abendliche Grillfeste oder eine Nachtwanderung griffen in den Produktionsprozeß ein, konnten aber auch durchaus medial bearbeitet werden. Einige wichtige Faktoren wurden aber erkennbar: Eine geschlossene Teilnehmerschaft, die schon in ihren Heimatorten von den Ansprechpartnern der Verbände angesprochen und auf des Projekt innerhalb der Ferienfreizeit aufmerksam gemacht wurden, führt zu ruhigerem und konzentrierteren Arbeiten. Wenngleich dies produktiver und zielgerichteter erscheint, erschienen jedoch kaum Jugendliche mit konkreten Ideen oder gar Vorplanungen zu dem Projekt.

    Zum zweiten spielte die Öffentlichkeit in Scharbeutz eine ganz andere Rolle: Das Dorf stellte sich hier erstmalig als fremder Ort dar, der mittels Neugierde und Medium zu entdecken war. Eine echte Dorföffentlichkeit entstand nicht, natürlich wurden die Einwohner von Scharbeutz wurden interviewt, an der folgenden Produktion, am Camp-Leben und an der Präsentation/Sendung nahmen sie aber nicht teil, zu geschlossen erschien das Jugendzeltlager als Mikrokosmos aus Sicht des Dorfes. Diese kleine Welt, das Campgelände, übernahm hier die Rolle des Dorfes: Die vielen Gruppen und Zuschauer aus anderen Gruppen bildeten eine Öffentlichkeit, die kritische Instanz und wohlwollendes Publikum zugleich bot. Durch den geschlossenen Charakter geriet die große Abschlußsendung zur ausgelassenen Radio-Party mit 250 Zuhörern, mit Rahmenprogramm und Beifallstürmen.

    Ein kleiner "Renner" waren auch die Klang-Experimente. Waren erst einmal die ersten Probeinterviews und Kleinst-Reportagen im Kasten, lockten auch die kleine "Geräusche-Gimmicks". In den meisten Fällen wurde die erste Produktion für die Erstellung einer Reportage, einer Interviewserie oder ähnlichem genutzt. War jedoch das wenngleich reflektierte Wiederholen bekannter Sendeformen in einem ersten Beitrag erst einmal erprobt, waren für die zweite Sendung auch Angebote experimenteller Natur gefragt. Recht leicht vermittelbar waren dabei Hörrätsel oder die Angebote der Klang-Küche. Spielerisch erschlossen sich alternative Musikinstrumente und Klangexperimente ganz nebenbei. So baute sich dann auch die erste Sendung am 2. Tag ausschließlich aus geschnittenen Interviewbeiträgen auf, ein Hörspiel dagegen hatte erst in der Abschlußsendung seine gefeierte Premiere.

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    5.3. Erfahrungen 1998

    Abgerechnet wird zum Schluß - auch bei einem pädagogischen Projekt. Besonders wichtig ist die Auswertung eines Projektes, wenn es, wie bei Floh im Ohr, Neuland betritt. Sind die Ziele erreicht worde, haben die Methoden funktioniert?

    Medienpädagogik und ländliche Raum
    Floh im Ohr würde in der Stadt ganz anders aussehen. Die Chancen des Hörfunks
    Ist die Begeisterung für Audioarbeit erst einmal geweckt, zeigt sich, daß das Potential der Audioarbeit in der Praxis ebenso groß ist, wie es die Theorie verspricht. Der Offene Kanal als Partner der Medienpädagogik
    Fischauge
    findet mit erheblicher Beteiligung des Offenen Kanals statt, Floh im Ohr ist eine Aktivität allein des Offenen Kanals. Von der Vorbereitung des Projektes bis zur Planung und Durchführung der Sendung konnte der Offene Kanal seine Möglichkeiten sinnvoll einbringen.



    Lagerleben - auf der grünen Wiese entsteht für eine Woche ein echtes Radio-Camp

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    6. Spacecowboys und Didgeridoo - einige Hörkritiken


    Beispiele aus Süsel

    "Schon mal was von Floh im Ohr gehört?"
    Umfrage - 5:05 Min.
    Denise, 13 Jahre

    Inhalt:
    first contact - Jugendliche und Kinder tummeln sich am Badesee. Doch plötzlich fragt ein Mikro: Kennst Du eigentlich "Floh im Ohr?!"

    Entstehung:
    Bei Projektbeginn gab’s den ersten heißen Tag des Sommers = Badesee statt Töne jagen. Denise, eine der ersten Teilnehmerinnen, schnappt sich das Reportagegerät und wagt sich an den Baggersee. Ohne Berührungsängste vor Technik und Menschen und mit viel Talent am Mikro startet sie eine Umfrage, als hätte sie noch nie etwas anderes gemacht. Sichtlich begeistert von dem Projekt und der Möglichkeit selber "Radio zu machen", stellt sie gute Fragen, geht auf ihre Gesprächspartner ein, erklärt das Prinzip von "Floh im Ohr" und macht so gleichzeitig gute Werbung für die Aktion. Die Jugendlichen wundern sich: Sonst auf die Wasserski-Anlage fixiert, werden einige durch die Fragen und die Angebote des Radiocamps neugierig. Alle wollen selber mal ran - na bitte!

    "Warum dürfen Sie Springerstiefel tragen und wir nicht?"
    Interview - 3:20 Min.
    Nils, 10 - Jens, 11 - Christin, 12

    Inhalt:
    Ein klassisches Interview mit dem "besonderen" Rektor der Grund - und Hauptschule in Süsel.

    Entstehung:
    Die drei Teilnehmer toben durch das Camp. Ein bißchen mit den "Geräuschegimmicks" herumspielen, alles, was Lärm macht, ausprobieren. Als die erste Faszination abflaut, wird mit Staunen die journalistische Variante erprobt: Ein Interview, aber mit wem? Der Glaube an eigene Stärke und die Macht des Mikros setzt sich nur ganz langsam durch. Ein paar Probeinterviews lösen den Knoten in Zunge und Hirn und schließlich: Der Schuldirektor soll es sein. Das Brainstorming zu den Fragen erbringt erstmal Gewohntes: Lieblingsessen, Lieblingsgetränk, Lieblingsmusik - "aber mit Vorsingen!". Doch dann wird es "ernst" für den Rektor. Die "Springerstiefelfrage" wird hier mit der Legitimation Radio wohl erstmalig angesprochen. - Am Ende sind die drei riesig stolz, Fragen, Technik, alles selbst gemacht.

    "Das Lied der Flöhe"

    Klangexperiment - 1:30 Min.
    Angelika, 10 - Timo, 13 - Jens, 12 - Renee, 12

    Inhalt:
    Eine geheimnisvolle Klangkomposition. Die Geräusche abstruser Gegenstände aus der Klang-Küche formen einen Rhythmus und schließlich eine "betörende" Melodie.

    Entstehung:
    Am Anfang stand die Idee, ein Lied umzutexten: "10 kleine Jägermeister"! Nach anfänglicher Begeisterung kam schnell der tote Punkt. Doch der Ansatz, erstmal mit Geräuschen herumzuspielen und daraus vielleicht sogar ein eigenes Lied zu machen, begeisterte. Es entstand eine neue Gruppe, die sich sehr geheimnisumwittert zum Üben zurückzog und ihren Live-Auftritt bei der Abschlußsendung sichtlich genoß.


    Beispiele aus Scharbeutz

    "Aschenputtel in der Neuzeit"
    Hörspiel - 7:42 Min.
    Claudia, Maxi, Christin, Ralf, Timo, Claas (12/ 13 Jahre)

    Inhalte:
    Es war einmal...Jeder kennt das Märchen Aschenputtel. Aber wie würd’s in der Neuzeit laufen?

    Entstehung:
    Die sehr engagierte Gruppe zog das Märchen in die heutige Zeit. Auch der Sprachstil wurde phantasievoll geändert. Aus dem Prinzen wurde ein cooler Typ, aus dem Pferd ein protziger Ferrari... Doch die Jugendlichen wollten die neu entstandene Geschichte nicht nur vorlesen, sondern auch mit passenden Geräuschen unterlegen. Das gesamte Hörspiel entsteht mit einem einzigen MD-Rekorder. Still und konzentriert strukturierten sie die Story, probten Geräusche und produzierten mitten auf dem Camp-Gelände. Die Abschlußsendung, vor allem aber die Zuhörer direkt im Camp wurden fiebernd erwartet, der stürmische Applaus war Erleichterung und Honig pur...


    "Rätselknacker"
    Hörrätsel - 0:38 Min.
    Anna und Saskia ((9 und 13 Jahre)

    Inhalte:
    Ein Ort in Scharbeutz. Der Reporter gibt leider nur vage Hinweise. In der Sendung verteilt verdichtet sich der Verdacht - Na liebe Hörer des Offenen Kanals, wie heißt der Ort?

    Entstehung:
    Ein Rätsel für alle Radiohörer soll es sein. Als erste Annäherung an das Medium zu Campbeginn ein guter Ansatz. Aber ein Hörer kann nicht sehen, im Radio fehlt die visuelle Ebene. Wie also entsteht ein "Kino im Kopf"? Die Geschehnisse oder hier der Ort muß detailliert beschrieben werden, also: Aufmerksamkeit vor Ort und im Camp die Schadenfreude, es den Hörern nicht allzu leicht zu machen...

    "Spacecowboys – Weltraumabenteuer, die erste..."
    Hörspiel - 4:20 Min
    Johann, Sven, Patrick, Lara, Christopher (10–13 Jahre)

    Inhalt:
    In Bonn startet in 15 Minuten die Rakete Apollo. Ein Reporter berichtet live von der Rampe. Nach dem Bilderbuchstart treten erste Probleme auf - wird es dem Piloten gelingen, die Mission zu retten? Und will er das überhaupt?!

    Entstehung:
    Drei Tage arbeitete diese Crew an ihrem Hörspiel. Genug Zeit also, gründlich passende und verrückte Geräusche zu recherchieren. Auf die spontan eingesprochene Fassung der Geschichte folgten andere. Je fester das Konzept, desto stockender: Alles sollte live hintereinander aufgenommen werden: Die ganze Geschichte, Interviews mit Pilot und Stewardessen, Geräusche... erst später wurde doch die Bandmaschine akzeptiert. Hier konnten die vielen Schnipsel und Ideen zusammengebastelt werden, bis sie plötzlich vor aller Ohren abhob, die erste Scharbeutzer Weltraum-Rakete.

    "Trampolin springen"
    gebauter Beitrag - 3:40 Min.
    Jaqueline, Sabrina, Marc und Christian (9/ 10 Jahre)

    Inhalt:
    Eine Trampolinanlage - der Sommerhit an norddeutschen Stränden. Wie, was, warum, wie oft und ach... so teuer?!

    Entstehung:
    Trampolin is fun! Auch 'ne Motivation zum Radiomachen. Der 72-jährige Vermieter wird kritisch befragt, Springer müssen das Erlebnis schildern. Als Atmo versuchen die vier, Trampolingeräusche einzufangen - gar nicht so ohne. Nach Abhören der Aufnahmen im Camp werden die einzelnen Passagen auf Tonband kopiert und direkt geschnitten. Schnipsel fallen zu Boden, die Minuten schwinden und schließlich entsteht ein abwechslungsreicher Beitrag über ein luftiges Vergnügen.



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